18. Dezember 2007

Der Betonbändiger wird 100

Geschrieben von Klaus in Zeitgeist 250 mal gelesen

oscar_niemeyer_01.jpgRuhestand ist für diesen Mann ein Fremdwort …

Er raucht und er trinkt einen Espresso nach dem anderen. Stararchitekt Oscar Niemeyer wurde am letzten Samstag 100 Jahre alt: “Arbeiten hält jung, Älterwerden ist Scheiße” hat Niemeyer vor einigen Jahren in einem Interview in seiner typischen drastischen Art zu Protokoll gegeben.

oscar_niemeyer_02.jpgDer “Herr der Kurven” ist nach rund 70 Arbeitsjahren und mehr als 600 realisierten Projekten immer noch voller Pläne und Tatendrang. “Das wird das wichtigste Werk meines Lebens“, sagte er erst vor wenigen Tagen, als sein Projekt für das größte Kulturzentrum Spaniens in Avilés grünes Licht bekam. Außerdem soll er den Regierungspalast Planalto in Brasilia renovieren, ein Kulturzentrum in Kasachstan planen und das neue Regierungszentrum des brasilianischen Bundeslandes Minas Gerais bauen. “Angola will mich mit der Planung der neuen Hauptstadt beauftragen, die viermal so groß wie Brasilia wird. Das wird 16 Jahre dauern, aber vielleicht schaffen wir das schneller”, schätzt der Architekt, dessen Körper im Gegensatz zu seinem scharfen Verstand fragil wirkt.

Zwölf Stunden am Tag, sieben Tage die Woche: Architektur

oscar_niemeyer_03.jpgImmer noch fährt Niemeyer jeden Tag von seiner Wohnung in Ipanema zum Atelier in einem Art-déco-Gebäude an der Copacabana mit Blick auf den traumhaften Strand, wo er von neun Uhr morgens bis neun Uhr abends sieben Tage pro Woche arbeitet und auch Freunde zu einem Glas Wein empfängt. Denn Leben, Freunde und „vor allem diese ungerechte Welt, die wir alle verändern müssen“, seien wichtiger als Gebäude, meint Niemeyer.

Mit der Entwicklung der freien Formen hat Oscar Niemeyer nach Ansicht des Architekturkritikers Paul Andreas einen herausragenden Beitrag zur Architekturgeschichte des 20. Jahrhunderts geliefert. „Niemeyer hat es geschafft, beim Beton aus den rechteckigen Formen auszubrechen. Damit hat er den Beton gebändigt“, sagte Andreas, der am Deutschen Architekturmuseum (DAM) in Frankfurt arbeitet. Er hat dort 2003 die bisher größte Niemeyer-Retrospektive in Deutschland betreut.

oscar_niemeyer_06.jpgSchon als kleines Kind habe er mit Fingern in der Luft „gezeichnet“, erinnert sich Niemeyer. „Als ich dann meinen ersten Bleistift bekam, habe ich nie mehr aufgehört zu zeichnen“. Die Grundlage seiner Arbeit seien die Kurven, wie die Kurven einer Frau - nicht mit dem Kompass gezogen, sondern frei und sinnlich.

Oscar Niemeyer, 1907 als Sohn deutschstämmiger Brasilianer in Rio de Janeiro geboren, ist so alt wie die klassische Moderne, er ist vielleicht ihr letzter lebender Vertreter, auf jeden Fall aber ihr unermüdlichster. Mit dem Schweizer Architekten Le Corbusier, den er 1936 bei dessen Südamerikareise kennenlernte, plante er das Ministerium für Bildung und Gesundheit in Rio de Janeiro. Er war zweiundfünfzig Jahre alt, ein Alter, in dem andere Architekten sich allmählich einen Ruhesitz in der Toskana zulegen, als sein bekanntestes Werk, die Großbauten der Retortenhauptstadt Brasilia, eingeweiht wurde … und danach ging es erst richtig los.

Wenn man Niemeyer zu den wichtigsten Figuren der architektonischen Moderne des zwanzigsten Jahrhunderts zählen muss, dann liegt das vor allem an den Korrekturen, die er an dieser Bewegung vornahm. Wie diese Korrekturen aussahen, zeigte sich schon 1948, als er ein (später nie gebautes) Theater entwarf, das in Rio vor dem strengen Riegel des Erziehungs- und Gesundheitsministeriums stehen sollte: Es rast wie eine gigantische Atlantikwelle aus Beton auf das rationalistische Hochhaus zu und markiert Niemeyers Wende hin zu einer tropisch erhitzten Moderne.

oscar_niemeyer_05.jpgAuch sein Haus Canoas in Rio de Janeiro hat kaum einen rechten Winkel mehr, der Beton schwingt sich wie eine Pythonschlange um die Felsen herum und kurvt ins Dickicht hinein, als habe man ihm gleichzeitig die DNA von tropischen Schlingpflanzen, Atlantikwellen und römischen Barockfassaden injiziert. Zum angestrengt strammstehenden Rationalismus des mitteldeutschen Bauhauses verhalten sich Niemeyers Schwungskulpturen wie sehr elegante Nierentische zu alten Umzugskartons.

Weiterführende Links:

Oscar Niemeyer auf Wikipedia

Webseite über Oscar Niemeyer bei archINFORM

Website der Oscar-Niemeyer-Stiftung


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